Angelruten im Test

When fine float tactics fail

oli_match.jpgEs muss in den frühen achtziger Jahren gewesen sein, als ich einen Artikel mit diesen Titel in der „Angling-Times“ über Ivan Marks gelesen habe. Beschrieben wurde dort, wie der anerkannte Meisterangler während einer WM lediglich einen winzigen Fisch aus dem Bach gezogen hatte. Das war die Zeit, als die englische Mannschaft der ewige Zweite im Wettbewerb war und das Fischen mit der Pole noch nicht völlig verinnerlicht hatte. Man stellte zwar oft den Einzelweltmeister, der Titel aber blieb dem Team versagt.
Das Bild hat sich inzwischen gewandelt. Die Engländer haben den Titel eigentlich fest abonniert und setzen im Bereich des Fischens mit der Pole jeden Trend. Obwohl Ivan Marks mittlerweile verstorben ist, lebt seine Leidenschaft in Form eines schon fast legendären Gedächtnisfischens fort. Unvergesslich bleiben auch seine Berichte und Schilderungen in der Fachpresse. In dem oben erwähnten Artikel wird das Verhalten von Anglern analysiert, die dem Glauben verfallen sind, die feinste sei zugleich auch die erfolgreichste Methode. Beispielhaft wird an einer WM gezeigt, dass man vor allem dort fischen muss, wo sich die Fische aufhalten. Marks angelte mit der Pole und dünnster Schnur, während die Gewinner mit der Matchrute draußen am anderen Ufer vergleichsweise grob fischten.

Ich muss oft an den Titel denken, wenn ich mich dabei ertappe, wieder die „bequeme“ Pole in Stellung gebracht zu haben, obwohl das Beißverhalten nicht gerade berauschend war. So habe ich mir seit einiger Zeit auferlegt, die Pole erst als letzten Ausweg zu benutzen. Inzwischen packe ich sie an bestimmten Gewässern gar nicht mehr aus, da die Fangergebnisse mit der Matchrute so gut sind, dass der Erfolg und Spaß jeden Gedanken an die schwere Stange zerstreut hat.

drennan_crystal_blei.jpgFluchtdistanz
Mein Haus- und Lieblingsgewässer ist ein kleinerer Fluss mit natürlichen Ufern und mäßiger Strömung. Er beherbergt alle Arten von Fischen und ist manchmal eine echte Wundertüte, denn vom Gründling bis zum Waller kann man alles fangen. Leider benehmen sich die Fische sehr launisch und lassen sich in kein Schema pressen. Selbst die Dauerangler haben bisher kein wirkliches Patenrezept finden können. Auf der Suche nach einer Lösung habe ich schon einige Meisterangler an meinen Fluss geführt, um zu sehen, was diese anders machen. Aber auch hier das gleiche Bild. Selbst „Ritter Frost“ (Thomas Pruchnowski) musste sich letztlich geschlagen geben. Claus Müller mutmaßte kopfschüttelnd über 0,04mm Schnur und bestimmte Lockstoffe. Trotz aller Tipps ließen sich die Rotaugen nicht richtig „beherrschen“. All das änderte sich mit dem Dachbodenfund einer alten „Angling-Times“ und dem Artikel von Ivan Marks. Inzwischen fische ich außergewöhnlich sicher und beschließe die Angelsession mit sehr guten Ergebnissen, die sich auch in Vergleichen sehen lassen können. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der richtigen Taktik, denn die Fische in meinem Abschnitt sind so scheu, dass sie an nichts gewöhnt sind. Sie mögen keine Erschütterungen, keinen Schatten der Pole und erst recht keine schweren Futterballen. Auch das Futter darf nicht hell sein und sollte wegen der vielen Schnecken im Fluss Hanf enthalten. Hanfkörner imitieren diese Schnecken. Die wenigen Brassen schrecken förmlich vor bekannten Fischdrogen, wie Brasem oder anderen Klassikern, zurück. Dafür lieben sie lose Maden in Massen und halten sich diskret weit hinter dem Futterplatz auf.
Hier kommt man mit feinsten Kanalmontagen nicht weiter, denn die Beute mag einfach nicht direkt zur Futterkrippe schwimmen. Bringt man aber genug „Fluchtdistanz“ zwischen sich und die Fische, dann rappelt es. Was liegt also näher als mit Waggler und Matchrute am anderen Ufer zu fischen?

oli_rotauge.jpgMatchrute face off
Vor einer Session studiert man am besten gründlich das gegenüberliegende Ufer und wird schnell erkennen, wo Überhänge, Bäume und der Strömungsverlauf gute Stellen anzeigen. Ich wähle meinen Arbeitsplatz gerne in der Nähe von überhängenden Bäumen oder steil abfallenden Ufern auf der anderen Seite. Dabei sitze ich einige Meter stromauf, um meine Pose im mittleren Drittel in den ausgesuchten Hotspot treiben zu lassen. Bei der Angelei am anderen Ufer ist eine längere Drift ein wichtiger Baustein der Taktik.
Ich benutze dazu meistens eine 4,20m Matchrute, weil dies in meinen Augen die besten Länge ist, die zusätzlich etwas Reserve beim Führen des Köders bietet. An noch kleineren Gewässern kommt eine 3,90m Match zum Einsatz. Wenn es geht, ziehe ich eine Drennan DRX Ultra Light aus dem Futteral. Diese geniale Rute bekommt man leider nicht bei uns auf dem Festland. Schade, aber vermutlich wäre der kommerzielle Erfolg auch eher gering für eine Rute dieser Art. Gerne benutze ich eine Bob Nudd Legend oder Fox Waggler, feiertags dann die ergraute TriCast Legend. Als Rolle kommt eine 030 Shimano zum Einsatz. Mein Favourit dabei ist die preiswerte Exage 3000M. Mehr Rolle brauche ich nicht. Wenn sich kein Unrat auf dem Wasser befindet, fische ich am liebsten alte ABU 506 Kapselrollen. Keine Rolle unterstützt den Bewegungsablauf an der Match besser. Die geniale Ein-Finger Bedienung ist wie geschaffen für diese Art der Angelei.
Da ich ausschließlich mit Drennan Crystal Wagglern fische, setze ich auf eine Schnur, die nicht absinkt. Viel Freude macht mir zurzeit die Shimano Antares Silk Shok (Tipp von Alan Scotthorne) und die wiedergeborene Cenitan von Browning in den Stärken 0,12 – 0,14mm.

microwirbel.jpgDer Crystal Waggler trägt zwischen 3 und 5g und ist mit einem kleinen Schlauchadapter zwischen Bleischroten eingeklemmt. Diese Hauptbebleiung macht mindestens 2/3 der Tragkraft aus. In der Regel klemme ich unter die Pose ein SSG und darüber ein AAA. Unter das SSG kommt ein weiteres Schrot aus hartem Blei, um ein das Verschieben der Schrote beim Wurf zu verhindern. Dann werden ein paar kleinere Bleie, die sich nach unten hin verjüngen, als Kette angebracht. Dabei sollte immer darauf geachtet werden, dass sich auch der Abstand der Bleie zueinander zum Haken hin verjüngt. Das letzte „Blei“ ist ein Microwirbel, der ca. einem No8 oder No6 entspricht. Das Vorfach von 35cm Länge wird einfach eingeschlauft. Früher habe ich immer einen komplizierten Blutknoten gebunden, aber ein simpler Wirbel wirkt dem Verdrallen moderner Schnüre entgegen. Mein Lieblingshaken ist der Drennan Maggot ohne Widerhaken. Zum Schluss stecke ich den Haken in den Kork und halte so die Montage auf Spannung. Ich weiß wohl, dass es eine echte Unsitte ist, Haken in den Kork zu stecken, aber es ist doch so enorm praktisch, nicht wahr?
Jetzt hat die Match erstmal Pause und die Artillerie in Form einer Fox Madenschleuder kommt in Stellung. Ich lasse nun einige Körbe Maden ins Wasser prasseln, um die Fische ein wenig in Stimmung zu bringen. Manchmal spüre ich regelrecht, wie die dicken Döbel nach den Proteinen schnappen.

drennna_crystal_float.jpgAusloten und Driften
Ausgelotet wird entweder mit der Bolo oder der Match selbst. Ich verwende keine reine Lotbolo, sondern eine vormontierte Rute mit einer 6-8g Bolopose von Colmic. Das hat den großen Vorteil, dass ich schnell ein Vorfach einhängen kann und so die Bolo als schwere Alternative einsetzen kann. Die ermittelte Tiefe wird auf die Match übertragen. Nun folgen einige Trockendurchläufe mit dem Waggler. Erst wenn der Waggler leicht kratzend und verzögert in der Drift treibt, bin ich zufrieden. Ist alles richtig eingestellt, dann signalisiert die Pose den Flussgrund wie ein Echolot. Jede Änderung im Ablauf ist in den meisten Fällen ein Biss. Wenn es die Bedingungen zulassen, lote ich gleich mit der Matchmontage, indem ich ein SSG auf den Haken klemme und die Tiefe bestimme. Ist diese grundsätzlich eingestellt, folgen auch die genannten  Trockendurchläufe zur Feinabnstimmung. Jetzt schieße ich wieder einige Maden und widme mich dem Grundfutter. Ich glaube wenig an Lockstoffe, aber um so mehr an Partikel und Futterfarbe. Deswegen ist meine Mischung einfach und immer tiefschwarz. Bestens hat sich eine Mischung aus Browning Black Magic und Browning Roach im Verhältnis 2:1 bewährt. Dazu gebe ich zur Beruhigung den Lockstoff Bream Blaster von Browning. Eine Tüte auf 3kg ist ausreichend. Allerdings verwende ich selten mehr als 1,5kg Futter, denn das Futter transportiert in erster Linie die Angelköder zum Fisch. Das Hauptaugenmerk liegt ja auf den losen Maden und gequollenem Hanf. In letzter Zeit mische ich gerne noch etwas Seed Mix oder gestoßenen Hanf von Browning unter das Futter. Die Reste der großen Dose werden dann fürs nächste Mal in kleinen Portionen eingefroren.
Wenn das Futter gut durchgezogen ist, werfe ich einige Ballen in Richtung Drift am gegenüberliegenden Ufer. Dabei versenke ich die Ballen bewusst einen Meter stromab, denn die Montage muss sich ohnehin erst aufstellen und braucht dazu je nach Strömung einige Sekunden. Wer ordentlich geradeaus anfüttert, wird mit ziemlicher Sicherheit an den Fischen vorbei fischen. Da hilft dann auch kein Einwerfen stromauf mehr. Die gleiche Strategie sollte man auch bei der Bolomontage anwenden. Jetzt wird scharf geschossen und die Montage eingebracht. Da die Schrotkette der Hauptbebleiung hinterher fliegt, muss der Wurf kurz vor der Landung abgebremst werden. Dadurch streckt sie sich und landet als Perlenkette sauber im Wasser. Im Stillwasser erkennen Sie einen gelungenen Wurf an den zarten Ringen, die sich durch die Schrote im Wasser bilden. Im Fluss geht es meist weniger elegant zu, aber man muss ja auch auf überhängende Zweige, Gräser und andere Hindernisse achten. Wenn man die Wahl hat, sollte man solche Barrieren meiden. Irgendwann hängt der Haken doch in der robusten Brennnessel. Ferner darf man sich auch nicht ärgern, wenn die Montage plump auf einem Haufen landet. Verwicklungen entstehen aber weniger durch schlechte Würfe als durch eine falsche Anordnung der Bleikette. Das richtige Gespür bekommt man recht schnell und dann ist diese Art des Fischens mindestens so elegant wie ein beherzter Doppelzug beim Fliegenfischen.

Schon nach dem Auswurf bin ich voll konzentriert, denn die behäbig absinkende Bleikette führt den Köder sukzessive durch alle Tiefen zum Grund. Oft kommen jetzt schon die ersten Bisse. Das sind dann meist kleine Rotaugen oder Döbel. Die frechen Kleinfischen schwimmen den Maden schnell entgegen. Die größeren Fischen warten am Ende der Futterspur. Das Ende der Drift zögere ich möglichst lange heraus: Ich weiß, dass die Döbel da hinten auf der Lauer liegen.
Wenn der Waggler in der Drift seine Fahrt aufgenommen hat, stoppe ich den Ablauf der Schnur mit dem Zeigefinger in Intervallen leicht ab. Dabei spielt die Kapselrolle ihre Stärke aus, denn der Wind kann die Schnur nicht unkontrolliert von der Rolle wehen. Bei jedem Bremsvorgang wird der Köder angehoben und sinkt anschließend wieder ab. Gerade in diesen Sinuskurven kommen die Anbisse. Ich scheue mich auch nicht, den Lauf der Pose komplett zu Stoppen. Das sieht dann zwar ziemlich stümperhaft aus, aber die Rotfedern und Döbel scheinen da ein andere Auffassung von standesgemäßer Köderführung zu haben. Ferner sollte man beim Fischen im Fluss jede Drift ohnehin mit einem Anschlag beenden.

hanf_browning.jpgRhythmus
Jetzt gilt es, den richtigen Rhythmus zu finden. In Naturflüssen mögen die Fische das Nachfüttern nicht immer. Das gilt auf jeden Fall für schwere Futterballen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Futterballen, die man mit einer Hand andrücken kann, wenig Schaden anrichten – auch bei scheuen Fischen. Nach jedem dritten Durchlauf schieße ich ein paar Maden oder Hanfkörner. Die richtigen Intervalle entscheiden über das Beißverhalten. Wenn die Kontakte zu den Fischen nachlassen, benutze ich etwas CM Lacto und bringe es über dem Futter aus. Dass es wirkt, möchte ich nicht beschwören, aber meist belebt diese Handlung meinen Ablauf zusätzlich.
Zwischendurch nutze ich auch die fertig bestückte Bolorute, um den Köder ganz ruhig und vor allem schnell zum Grund zu bringen. Mit dem fetten Madenbündel gelingt es oft, ein paar ganz dicke Exemplare zu überlisten. Nicht selten verirrt sich auch ein Karpfen, den man sowohl mit der Bolo als auch mit der Match genüsslich ausdrillen kann.

arbeitsplatz.jpgAusblick
Ich baue neben der Match auch gerne eine Feederrute auf, um eine Art Gegenprobe zu machen. Dabei vertrete ich die Ansicht: Wenn es mit der Feeder nicht geht, geht gar nichts. Dennoch habe ich bisher meine besten Fänge mit der Matchrute erzielt. Ich führe das darauf zurück, dass der Bewuchs im Fluss die Wirkung der Feedermontage behindert. Ein feines No8 Bleischrot schleicht sich eben auch mal zwischen den Pflanzen hindurch, während der plumpsende Futterkorb in den Algen versackt. Außerdem fällt es mir auch enorm schwer, an einem schönen Gewässer nur auf eine Spitze am Ufer gucken zu müssen. Entlang der Wagglerlinie kann man meist viel entdecken und die Aktivität der Fische beobachten. Kräftige Ringe am Ende der Futterspur kündigen meist die frechen Döbel an. Kleinfischschwärme werden von Barschen attackiert und der stetig steigende Fisch entpuppt sich als halbstarke Bachforelle. All das gehört für mich zum Fischen dazu. Verzichten möchte ich darauf nicht – auch nicht für den Erfolg.

barsch.jpgWährend meiner Testphase von mehreren Monaten bin ich auf die beschriebene Weise immer zu guten oder befriedigenden Fangergebnissen gekommen, während Kollegen mit der Pole diese nicht erreichen konnten. Nicht immer bringt die feinste Methode den Erfolg: When fine float tactics fail. Gut, dass ich diesen Artikel im Kopf behalten habe.

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