Angelruten im Test

Vom Sitzkasten zur Pole – Rive 801 Carpe

rive_801_logoAls kritischer Zeitgenosse habe ich die Nachricht über Rives Einstieg in die Rutenproduktion mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. Ich bin immer sehr skeptisch, wenn ein innovativer Hersteller mit einem spezialisierten Sortiment plötzlich das Portfolio erweitert und die gewohnten Bahnen verlässt. Natürlich liegt es für einen Hersteller wie Rive nahe, sich andere Geschäftsfelder zu erarbeiten, zumal der Kiepen-Oligopol zusehends mit Plagiaten überschwemmt wird. Allerdings gehören Kopfruten aus meiner Sicht nicht gerade zu den Wachstumsmärkten und die einstige Edelherstellung ist inzwischen auch dem betriebsamen ökonomischen Pragmatismus gewichen. Etwas rustikaler ausgedrückt ist auf dem Pole-Sektor ein wenig die Luft raus. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass das Fischen mit der Feeder weiter an der Substanz der Königsdisziplin nagen wird. Im Hinblick auf die Weltwirtschaftskrise wird dieser Trend noch zunehmen. Und genau in dieser Zeit bringt Rive Ruten auf den Markt, die preislich in der gleichen Liga wie die Sitzkiepen spielen.

rive_801_tubesOhne die Ruten zu kennen, wusste ich, dass Rive keine Tiefpreisprodukte anbieten wird, sondern wie bei den Kiepen und den ausgesprochen guten Posen auf Qualität setzen wird. Meine Vermutung fand auf der diesjährigen Stippermesse ihre Bestätigung, denn Rive hat wirklich ein sehr ausgewähltes Programm hochwertiger Ruten auf die Beine gestellt.  Ich bin mir sicher, dass man damit den französischen Markt im Fokus hat und sich über jeden zusätzlichen Erfolg in Deutschland freut. Für diesen ist Andreas Risse zuständig, der sich als Importeur auf dem Gebiet der Rive-Sitzkiepen einen besonderen Namen gemacht hat. Mit Service und vor allem durch Kundennähe hat er sich zu einem der wichtigsten Anprechpartner für Rive-Qualitätsprodukte entwickelt. Da lag es natürlich nicht fern, mir eine Rive-Pole für einen Test zu überlassen. Als alter Hase hat er mit der Rive 801 Carpe bewusst ein Modell ausgewählt, dass preislich attraktiv und für deutsche Verhältnisse geeignet ist.
Die Rute

rive_801_didierKaum von der Stippermesse zurück, wollte ich wissen, was man bei Rive für etwas mehr als 300 Euro bekommen kann. Die 801 ist, wie es der Name schon andeutet, eine robuste Kopfrute, die sich für den Einsatz unter schlechten Wetterbedingungen ebenso wie für das schwere Flussfischen eignet. Wenn man die Wandungsstärke der einzelnen Teile betrachtet, wird schnell klar, dass die 801 nicht den geringsten Kompromiss beim Material macht. Carbon und Harz wurden satt verarbeitet und jedes Teil kann als Handteil benutzt werden. Durch den hohen Einsatz von Material erklärt sich auch die Länge der Rute, denn diese wurde offensichtlich als echte 11-Meter-Rute konstruiert. Jede Verlängerung auf 12,50 oder 13 Meter würde eine Verschlimmbesserung der Balance bedeuten und die Leistungsmerkmale der Rute drastisch verändern.
Die 801 ist als klassische 9,50- und 11-Meter-Variante ausgelegt. Ihre volle Länge erreicht sie durch eine knapp 80 Zentimeter lange Verlängerung, die für beide Längen geeignet ist. Mit dem Metermaß konnte ich 8,62 Meter und 10,16 Meter ermitteln. Zusammen mit der kurzen Verlängerung erreicht die Rute tatsächlich einmal die angegebenen Maße. Diese Werte sind in gewisser Weise doppelt ehrlich, denn das Spitzenteil misst sagenhafte 1,60 Meter und muss nicht mehr gekürzt werden. Viele sogenannte 11,50-Meter-Ruten erreichen ihre Länge nach dem Kürzen nicht einmal ansatzweise. Deswegen schätze ich korrekte Angaben. Eine gefühlte Länge bringt uns Anglern gar nichts, wenn die fischträchtige Kante nun mal auf 13 Meter und nicht 12,20 Meter verläuft.  Trotz der stabilen Konstruktion bleibt die 801 mit 40-43 Millimetern angenehm schlank.
Das Spitzenteil und Zubehör

rive_801_spitzeDieses verfügt über einen Außendurchmesser von 3,3 Millimeter und einen Innendurchmesser von 2,6 Millimeter. Hier muss wirklich nichts gekürzt werden und die gesamte Gummikonstruktion kann man bequem in einem Teil unterbringen. Noch stärkere Gummizüge wird man dann wohl eher über zwei Segmente verteilen. Das voluminöse Spitzenteil fällt mit ca. 59 Euro preislich vergleichweise moderat aus. Schließlich ersetzt es ein zweiteiliges Kit herkömmlicher Ruten. Natürlich gibt es für die 801 auch vier-, dreiteilige, Power- und Cupping-Kits. Diese bewegen sich in Preisregionen von 78 -178 Euro. Das vierteilige Kit misst dabei 5,70 Meter und dürfte damit mehr als ausreichend sein.
Features

rive_801_wicklungDie 801 wird ohne Futteral, aber in guten Schutzröhren geliefert. Ein Cupping-Kit muss separat erworben werden. Ich bin allerdings sicher, dass der versierte Händler hier attraktive Pakete anbieten wird. Insgesamt war ich sehr über die gute Verarbeitung überrascht, obwohl mich beim Öffnen des Transportrohrs ein typischer Lösungsmittelgeruch empfangen hat. Die Rute kam im wahrsten Sinne des Wortes frisch aus der Fabrik. Alle sieben Teile passen perfekt ineinander und das Abstecken geht angenehm leicht von der Hand. Interessant ist auch die matte Oberfläche, die durch eine spezielle Lackierung erreicht wird. Diese empfinde ich als sympathischer als die inzwischen üblichen angeschliffenen Teile. Darunter zeichnet sich eine breite spiralförmige Wicklung ab, die fast auf allen Rutenteilen sichtbar ist. Ob diese für zusätzliche Stabilität sorgt, vermag ich nicht zu sagen, aber sie verleiht der Rute ein besonderes Aussehen. Die Kreuzwicklungen an den kritischen Einschüben verstärken die Rute definitiv. Schon beim Zugreifen spürt man das robuste Material. Eindrücken kann man an diesen Stellen nichts. Klassenüblich verfügt auch die Rive über Passmarken, die das Rückgrat der Rute markieren. Diese sitzen zwar nicht immer absolut genau, fungieren aber als gute Orientierungshilfe, die besonders unserem Drang nach Perfektion den letzen Kick gibt. Die Mini-Verlängerung gehört zur kostengünstigen Variante und dürfte mehr aus Glasfaser als aus Carbon bestehen. Auch hier bewegt sich die 801 in guter Gesellschaft. Diese Ausführung ist dem außergewöhnlichen Stehvermögen der Rute aber nicht abträglich.

rive_801_powerFazit
Die Rive 801 Carpe überzeugt auf den zweiten Blick als gut ausgestattete Allroundrute für Angler, die sich nicht mit „Me-too-Produkten“ zufriedengeben möchten. Damit spricht das Produkt Junioren (11 Meter Rutenlänge) und Vereinsstipper an, die durchaus an Veranstaltungen teilnehmen, sich sonst aber eher mit dem Fang großer Fische abgeben. Dank der guten Balance ist sie die ideale Tunk- und Barbenrute für stundenlange Ansitze. Mit ihrer brettharten „Stiffness“ macht sie einfach Freude.
Vom Namen „Carpe“ darf man sich nicht zu sehr leiten lassen, denn auch die Rive 801 verfügt über die gewisse Finesse, die an Rive-Produkten so geschätzt wird.

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