Angelruten im Test

Zwischen Krise und Anspo 2010 – Shimano überzeugt durch Innovation

shimano_c4Der Lieblingsspruch der Medienberater lautet: Wer nicht wirbt, der stirbt! Nach diesem Motto tingelt Shimano zusammen mit Spro und Pure Fishing quer durch die Republik, um dem Fachhändler und nicht zuletzt der Presse die Möglichkeit zu bieten, neue Produkte frühzeitig zu begutachten. Schon in der letzten Ausgabe informierten wir über die Roadshow, die die genannten Hersteller immer in den Jahren ohne die „Leitmesse“ Anspo durchführen.

Zugegeben, ich besuchte die Veranstaltung mit einer Art Unbehagen, denn die allerorts zitierte Wirtschaftskrise macht ja auch vor unserem Lieblingshobby nicht halt. Schon beim Betreten der hellen Hotellobby war allerdings jeder Zweifel verflogen, denn mich erwarteten motivierte Vertriebsleute und Produkte, die sich durch einen hohen Reifegrad auszeichnen. Da es aus meiner Sicht die ganz großen Materialinnovationen in absehbarer Zukunft ohnehin nicht mehr geben wird, interessiert es mich umso mehr, wie es die Hersteller schaffen, weiter an ihren Produkten zu feilen. Offensichtlich gelingt das den Entwicklern bei Shimano in ausgezeichneter Weise.

Match- und Feederruten
In Sachen Matchruten macht Shimano keiner etwas vor und auch dieses Jahr wird sich das Bild nicht ändern, denn der Hersteller kann im oberen und unteren Segment gleichzeitig seinen Abstand zum Wettbewerb ausbauen. Es ist nun keineswegs so, dass vergleichbare Produkte fehlen, aber die Bandbreite der Shimano-Matchruten ist einzig.

shimano_diaflashDiaflash is back
Es wird den Stipper freuen, dass „seine“ Diaflash zurück ist. Die Diaflash XTR-A für die Saison 2010 hat das Zeug, seinem klassischen Namensgeber alle Ehre zu machen. Die Ingenieure haben nicht einfach das alte Design kopiert, sondern eine Rute mit allen modernen Features und Technologien entwickelt. Bis zu siebzehn Ringe zieren den Diaflash-Blank, der magisch wie früher in der Sonne schimmert. Der Rutengriff komplettiert die edle Wirkung der Diaflash mit seinem Fossil Wood Design (Wurzelholz-Anmutung). Für meinen Geschmack hätte der Schraubrollenhalter noch etwas raffinierter ausfallen dürfen, aber dafür hat Shimano ja die Aspire im Programm. Die Rute verfügt über eine schnelle Aktion und dürfte mit Wurfgewichten von 15-20 Gramm jedem Waggler gewachsen sein. Neben weiteren Shimano-Features, die sich nicht immer sofort erschließen, verfügt die Matchrute über wechselbare Kontergewichte im Handteil. Damit lässt sich die Rute ideal ausbalancieren und an die Bedürfnisse des Angler anpassen. Den Nutzen der „Balance Weights“ kann man nicht hoch genug einschätzen, sind es gerade die Nuancen, die eine Rute zu einem Spitzen- oder „Me-too“-Produkt machen.

shimano_geofibreVengeance – Der Tipp schlechthin
Auch wenn der Angler gerne seinen Blick auf die Sterne richtet, finden sich die erreichbaren Schönheiten eher in irdischen Gefilden. Die neue Vengeance-Serie hat mich spontan begeistert. Das matt-schwarze Finish ohne aufdringliche Aufdrucke erinnert an alte Klassiker und wirkt einfach edel. Die Bodenständigkeit der Serie drückt sich auch über ihre überschaubare Vielfalt aus: Es gibt zwei Match-, vier Feederruten, eine Multi-Feeder-Match und sogar zwei teleskopische Feeders. Dabei bewältigen die Ruten Gewichte bis 110 Gramm. Ich habe die meisten Shimano-Ruten in der Hand gehabt und zum größten Teil auch fischen dürfen, doch die Vengeance würde ich mit verbundenen Augen kaum von einer Spitzenrute unterscheiden können. Die Ruten wirken robust, leicht und straff. Laut Shimano ist das dem neuen Geofibre-Material zu verdanken. Dabei handelt es sich um ein Gemisch aus Carbon und einem Ersatz für die ansonsten verwendete Glasfaser. Jeder weiß, dass Glasfaser extrem flexible Ruten ermöglicht, aber ein hohes Eigengewicht  hat. Shimano ist es nun gelungen, die Eigenschaften von Glasfaser mit einem geringen Gewicht in einem neuen Material zu vereinigen. Für mich ist es im Grunde völlig unerheblich, was da im Inneren verbaut wurde, wenn eine derart gute Rutenserie dabei herauskommt.
Für alle, die ein wenig über den Tellerrand des Stippen hinausschauen, empfehle ich die Multi-Feeder/Match-Kombination und die Vengeance Float. Als Posenrute erinnert diese an die Aktion der legendären Drennan Tench Float, während die Feederversion der Drennan Medium Feeder recht nahe kommt. Glas- oder Geofasern sorgen eben für eine gute Rutenaktion. Daran hat sich trotz aller Technologie nichts geändert.
Bei allen Ruten ist die Verarbeitung auf dem anerkannt hohen Shimano-Niveau. Der Käufer bekommt alle Produkte der Serie mit Hartlite-Ringen und einem sehr guten Screw-Down-Rollenhalter. Der Griff besteht aus Powercork und Moosgummi-Schaumstoff.
Ich will Ihnen aber auch den Preis nicht verschweigen, der mit 80-100 Euro absolut moderat ausfällt. Die Vengeance löst übrigens die Hyperloop-Serie ab. Kein Verlust, denn das Bessere ist der Feind des Guten.

shimano_pickerSpeedMaster AX Winkle Picker – Die Häkelnadel
Es gibt Ruten, die braucht man nicht, ist ihnen aber total verfallen. In diese Kategorie fällt der neue Winkle Picker aus der SpeedMaster-Serie. Die filigrane Rute ist dünner als eine Makkaroni-Nudel und bringt gerade mal knappe 160 Gramm auf die Waage. Schon das Anfassen ist purer Spaß, denn die Rute ist schnell, handlich und in zwei Längen einsetzbar. Über ein Adapterstück kann man die SpeedMaster von 2,40 Meter auf 2,70 Meter verlängern. Mit 40 Gramm liegt ihr Wurfgewicht im Bereich der klassischen Bomb-Ruten. Neben dem allgemeinen Trend zur Brandungsfeeder etablieren sich auch wieder moderate Ruten, die nicht nur für das Transportieren von Gewichten ausgelegt sind, sondern auch Spaß am Drill vermitteln können. Natürlich ist ein Picker nichts für unsere Ströme, aber an kleinen Flüssen und vielen Seen ist das leichte Fischen im Uferbereich oft erfolgreicher als Distanzfischen – man muss es sich nur zutrauen. Ich möchte Sie gerne zu  Birnenblei und Picker ermutigen. Nehmen Sie die SpeedMaster-Häkelnadel in die Hand, dann wissen Sie, was ich meine. Mit ca. 150 Euro sind Sie dabei.

shimano_firebloodKopfruten
Für 2010 hat Shimano ein neues Top-Modell im Programm, das wirklich außergewöhnlich verarbeitet ist. So finden sich Zierwicklungen an den Steckverbindungen, die an Ruten von früher erinnern. Damals hat man sich noch sehr viel Mühe mit feinen Details gegeben. Die Fire Blood sieht deswegen auch wie ein Stück Handarbeit aus. Ich vermute, Shimano wird jeden Kunden mit Namen kennen, denn die Fire Blood lässt einem bei 4000 Euro das Blut in den Adern gefrieren. Wir wünschen Alain Scotthorne und Steve Ringer neidlos viel Erfolg mit diesem Spitzenprodukt.
Viel realistischer ist die neue ForceMaster XT-B. Auch hier wirkt sich die neue Geofibre positiv auf die Balance aus. Die Rute wurde als ehrliches Arbeitstier konzipiert und dürfte im Vergleich zum Wettbewerb ordentlich Pluspunkte sammeln. Bleibt nur zu hoffen, dass man die ForceMaster auch im Laden vergleichen kann. Ansonsten schreiben Sie sich die Rute doch am besten gleich auf Ihren Merkzettel für die Stippermesse 2010.

Spinnruten
Shimano hat, nebenbei bemerkt, hervorragende Spinnruten im Programm. Ich kann Ihnen nur empfehlen, ruhig eine montierte Rute mit einem Wobbler am Platz zu haben. Bei fast jeder Session werden Sie durch das Anfüttern auch die gefräßigen Räuber anlocken. Abruptes Aussetzen von Bissen kann man mit der Spinnrute ausgestalten. Nicht selten haben Sie den Verursacher etwas später selbst am Haken. Ein gefangener Hecht ist keine Schande und das Filet schmeckt einfach großartig. Eine leichte Technium DF findet in jedem Futteral Platz.

shimano_stradicRollen – A step ahead
Für die meisten Angler ist die Angelrolle eng mit dem Namen Shimano verbunden. Es ist nicht verwunderlich, dass der Hersteller von Fahrradtechnik auch hochwertige Rollen herstellen kann. Der jüngste Streich der Japaner lautet Twin Power CI4 RA. Die bildschöne Rollenserie vereinigt gleich drei Bremssysteme in einer Rolle. Ihnen stehen Front-, Heck- und Kampfbremse zugleich zur Verfügung. Ich selbst konnte mich nie entscheiden, welches Bremssystem ich wirklich bevorzugen soll und habe mich oft dabei ertappt, an die falsche Stelle zu greifen, da ich beide Systeme einsetze. Mit der CI4 ist das Geschichte. Aber Shimano hat sich noch einer weiteren Sache angenommen und diese entscheidend verbessert. Wenn ich je etwas wirklich an einer Shimano-Rolle zu kritisieren hatte, dann die Tatsache, dass der Spulenkörper etwas „schwimmig“ auf der Achse sitzt. Dies tritt freilich nur bei bestimmten Bremseinstellungen auf, doch ein Grund zur Kritik ist es allemal. Über das brandneue „Rigid Support Drag“-System wird nun gewährleistet, dass die Spule bei geringer Bremswirkung absolut zentriert auf der Achse sitzt. Neben allen GTFs (ganz tolle Features) ist dies eine Evolution im Sinne der Kunden.
Auch Stippers liebste Rolle, die Stradic GTM-RC, wurde um das „Rigid Support Drag“-System erweitert. Eine der besten Rollen wird so noch besser.

shimano_baitrunnerDas größte Highlight ist für mich aber die Baitrunner DL FA, die es nun endlich in kleinen Größen gibt. Da ich gerne eine Freilaufrolle an der Feederrute benutze, kann ich nun auf eine kleine Baitrunner für alle Angelarten zurückgreifen. Die Baitrunner DL FA ist damit für mich eine der besten Allroundrollen, die sich für fast alle Angelarten anbietet, aber niemals ein plumper Kompromiss ist. Die kleinen Baitrunners sind aber auch ein Beleg dafür, dass selbst japanische Firmen auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden reagieren.

In Anbetracht der Neuheiten und Verbesserungen ist es eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass der neue Shimano-Hochglanzkatalog bereits verfügbar ist. Wenn man sich auch keine Shimano-Rute unter den Weihnachtsbaum legen möchte, kann man sich so manche dunkle Winternacht bei einem Glas Glühwein mit dem Studium des professionellen Katalogs versüßen.

0 Responses to “Zwischen Krise und Anspo 2010 – Shimano überzeugt durch Innovation”


Comments are currently closed.